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Darf ich oder darf ich nicht? – Unsere Gewissenskonflikte (am Beispiel: Götzenopferfleisch)

1. Korinther 10

Ehe wir mit der Betrachtung dieses Kapitels beginnen, vorab noch einmal die beiden zuvor gelesenen Stellen aus dem Entschluss der Apostel. Sie passen gut zu dem Abschnitt hier:

Apg 15,19-20 Darum urteile ich, dass man denjenigen aus den Heiden, die sich zu Gott bekehren, keine Lasten auflegen soll, sondern ihnen nur schreiben soll, sich von der Verunreinigung durch die Götzen, von der Unzucht, vom Erstickten und vom Blut zu enthalten.

Apg 15,28-29 Es hat nämlich dem Heiligen Geist und uns gefallen, euch keine weitere Last aufzuerlegen, außer diesen notwendigen Dingen, dass ihr euch enthaltet von Götzenopfern … 

Was genau durch die Worte: enthalten von Götzenopfern und von der Verunreinigung durch die Götzen gemeint ist, ist ein weiterer Schlüssel zum Verständnis des gesamten Themas. Ohne dieses Schlüsselverständnis wird man die vermeintlich widersprüchlichen Verse zum “Götzenopferfleisch” nicht auflösen können. Daher müssen wir uns den Beschluss der Apostel genauer ansehen. Denn er kann das eine oder das andere bedeuten. Das heißt, er kann bedeuten:

  • Man soll sich von der Verunreinigung durch die Götzen (und den damit verbundenen Opfern) enthalten.
    Oder.
  • Man soll sich vom Götzenopferfleisch enthalten.

In anderen Worten: Bei dem einen geht’s um ein Ritual, bei dem anderen ums Essen. Das eine ist so etwas wie die aktive Teilnahme am Götzendienst, das andere nicht. Das wird gleich klarer werden, wenn wir uns weitere Verse dazu ansehen.

Wichtig hier ist: Sollte es das Letztere (also dass man kein Götzenopferfleisch essen darf) bedeuten, dann hätte Paulus in 1Kor 8 gegen den Entschluss der Apostel gelehrt. Da das natürlich Unsinn ist, muss es das Erste, also das Enthalten von Götzen an sich sein.
Den Beleg dazu lesen wir dann im zehnten Kapitel des Briefs an die Korinther. Die erste Aussage, die die Verbindung zum Götzendienst und auch zum Essen von Götzenopfern aufzeigt, ist:

1Kor 10,7 Werdet auch nicht Götzendiener, so wie etliche von ihnen, wie geschrieben steht: »Das Volk setzte sich nieder, um zu essen und zu trinken, und stand auf, um sich zu vergnügen«.

Die Rede hier ist vom Goldenen Kalb. Man machte sich diesen Götzen, diente ihm, indem man ihm opferte und dann anschließend davon aß.

2Mo 32,4-6 Und er nahm es aus ihrer Hand und bildete es mit einem Meißel und machte ein gegossenes Kalb daraus. Und sie sprachen: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus dem Land Ägypten heraufgeführt haben. Und als Aaron es sah, baute er einen Altar vor ihm; und Aaron rief aus und sprach: Ein Fest dem HERRN ist morgen! Und sie standen am nächsten Tag früh auf und opferten Brandopfer und brachten Friedensopfer; und das Volk setzte sich nieder, um zu essen und zu trinken, und sie standen auf, um sich zu belustigen.

Diesen Gedanken des Götzendienstes (also der Darbringung von Opfern und das anschließende Essen davon) führt Paulus dann im zehnten Kapitel weiter fort, indem er schreibt:

14.18-20 Darum, meine Geliebten, flieht vor dem Götzendienst!Seht das Israel nach dem Fleisch! Stehen nicht die, welche die Opfer essen, in Gemeinschaft mit dem Opferaltar? Was sage ich nun? Dass ein Götze etwas sei, oder dass ein Götzenopfer etwas sei? Nein, sondern dass die Heiden das, was sie opfern, den Dämonen opfern und nicht Gott! Ich will aber nicht, dass ihr in Gemeinschaft mit den Dämonen seid. Ihr könnt nicht den Kelch des Herrn trinken und den Kelch der Dämonen; ihr könnt nicht am Tisch des Herrn teilhaben und am Tisch der Dämonen!

Man kann schnell erkennen, dass hier nicht das isolierte Essen von Fleisch, wie in 1Kor 8, thematisiert wird, sondern es wird die Verbindung zwischen Götzen, Götzendienst und den damit verbundenen Götzenopfern, die man isst, aufgezeigt.
Obwohl Paulus dann auch hier erneut betont, dass einGötze nicht etwas sei, ist die hier beschriebene Handlung – im Gegensatz zu dem unproblematischen Essen von Götzenopferfleisch mit einem reinen Gewissen – ein Problem. Sogar ein riesen Problem!
Denn hier geht es nicht um das Essen allein (!), sondern um das Opfern eines Tieres für einen Götzen und das anschließende Essen von diesem Fleisch. Das ist ein riesen Unterschied!

Dazu ein Beispiel, damit dieser (man könnte sagen) alles entscheidende Unterschied auch wirklich klar wird:
Man stelle sich vor: Zu einer Dönerbude zu gehen und sich einen Döner zu holen. Und dann stelle man sich das Unvorstellbare vor: Zusammen mit einem muslimischen Schlachter ein Tier zu opfern, dabei gemeinsam den Namen Allahs auszurufen und dann davon einen Döner zu essen.

Und Letzteres ist genau das,

  • was mit dem Goldenen Kalb passiert ist,
  • wovon hier in 1Kor 10 Paulus redet
  • und wovon auch die Apostel geredet haben, als sie sagten, dass man sich von der Verunreinigung durch die Götzen und den Götzenopfern enthalten soll.

Obwohl das alles im Gesamtkontext kristallklar ist, wird diese Stelle dennoch häufig als Gegenargument verwendet. Das Ganze wird dann obendrein noch bewusst oder unbewusst dramatisiert, indem man behauptet, dass man durch das Essen eines derartigen Fleisches (wie z.B. eines Döners) in Gemeinschaft mit den Dämonen kommt. Oder wie es in Offb 2,14.20 heißt: Der Lehre Bileams oder Isebels folgt.

Es gibt sogar Dokus auf dem “History Channel” und auf “Arte”, wo Professoren und Doktoren der Theologie und Geschichte genau dieses Thema “Götzenopfer” aufgreifen und behaupten, wie angeblich Paulus im Widerspruch zu den Aposteln lehrte, da er ja gegen ihren Entschluss in Apg 15 ging und auch gegen das, was Johannes in der Offenbarung schrieb. Indirekt, bzw. vielmehr direkt, werden dadurch dem Zuschauer vermeintliche Widersprüche in der Bibel aufgezeigt. Erschreckend!

Da es aber hier keinen Widerspruch gibt und es bei diesen Stellen um zwei völlig unterschiedliche Dinge geht, kann man erneut feststellen und festhalten, wie manches, von dem Paulus schreibt, schwer zu verstehen ist

2Petr 3,16 So wie auch in allen Briefen, wo er (also Paulus) von diesen Dingen spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen … 

… ganz so, wie auch seine Aussage direkt im nächsten Vers in 1Kor 10 schwer zu verstehen ist:

23 Es ist mir alles erlaubt — aber es ist nicht alles nützlich! Es ist mir alles erlaubt — aber es erbaut nicht alles!

Ist es mir jetzt erlaubt, Götzendienst zu betreiben? Oder sonst alles zu tun, worauf ich Lust habe, da mir ja alles erlaubt ist? Offensichtlich nicht. Dennoch, wenn man es wortwörtlich nimmt, steht genau das da. Und genau so wenden es manche auch an … und erfüllen somit die Worte, die Petrus nach seiner Feststellung des schwer zu verstehenden Paulus schreibt:

2Petr 3,16 so wie auch in allen Briefen, wo er von diesen Dingen spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen, was die Unwissenden und Ungefestigten verdrehen, wie auch die übrigen Schriften, zu ihrem eigenen Verderben.

Es gibt wohl kaum einen anderen Vers, der falsch angewandt, zu noch mehr “eigenem Verderben” führen kann, als der 23.: Es ist mir alles erlaubt … 

Da uns das aber nicht betrifft und uns allen klar ist, dass Paulus seine Aussage einen konkreten Zusammenhang hat (und es kein Universal-Freifahrtschein ist!), machen wir mit einem weiteren konkreten Zusammenhang (in diesem Fall des Gewissens in Sachen Götzenopferfleisch ohne Teilnahme am Götzendienst) weiter:. Denn davon redet er in den nächsten Versen:

24-25 Niemand suche das Seine, sondern jeder das des anderen. Alles, was auf dem Fleischmarkt angeboten wird, das esst, ohne um des Gewissens willen nachzuforschen;

Wohlgemerkt: Fleischmarkt. Das heißt, jetzt redet er nicht mehr über Götzen, denen man opfert und dann von diesem Götzenopferfleisch isst, wie er es zuvor getan hat, sondern jetzt geht es um das, was er schon im achten Kapitel thematisiert hatte. Daher lesen wir auch hier erneut dieselben Gedanken, nämlich dass das Essen von Götzenopferfleisch unproblematisch ist, sofern das Gewissen nicht davon betroffen ist. Wie kann man das erkennen? Indem man das Götzenopferfleisch durch das Fleisch von unreinen Tieren ersetzt. Soll heißen: Würde Paulus z.B. über Schweinefleisch essen (was eine klare Sünde ist!) dasselbe sagen? Also: “Alles, was auf dem Fleischmarkt angeboten wird (also auch Schweinefleisch), das esst, ohne nachzuforschen.”?

Nein, das würde er ganz sicher nicht schreiben!

Da es aber beim Götzenopferfleisch eben nicht um das Übertreten eines Gebotes, sondern um das Gewissen geht, wie er zwei Kapitel vorher klargestellt hat, empfiehlt er, erst gar nicht des Gewissens willen nachzuforschen, denn … 

26-27 denn »dem HERRN gehört die Erde und was sie erfüllt«. Und wenn jemand von den Ungläubigen euch einlädt und ihr hingehen wollt, so esst alles, was euch vorgesetzt wird, und forscht nicht nach um des Gewissens willen.

Auch hier ist der Kontext natürlich nicht irgendetwas Unreines, was uns serviert wird, sondern immer noch Götzenopferfleisch. Daher sagt er auch hier anschließend:

28 Wenn aber jemand zu euch sagt: Das ist Götzenopferfleisch! — so esst es nicht, um dessen willen, der den Hinweis gab, und um des Gewissens willen, denn »dem Herrn gehört die Erde und was sie erfüllt«.

Auch in dieser Aussage können wir mal wieder seinen eigentlichen Fokus bei dieser Debatte erkennen: Es geht nicht darum, dass das Essen von Götzenopferfleisch verboten ist, sondern es geht um das Gewissen, genauer: um das Gewissen unseres Nächsten.
Daher schreibt er auch: um dessen willen, der den Hinweis gab, und um des Gewissens willen …; er redet also nicht vom eigenen Gewissen. Diese Tatsache macht er im nächsten Vers noch deutlicher:

29 Ich rede aber nicht von deinem eigenen Gewissen, sondern von dem des anderen; denn warum sollte meine Freiheit von dem Gewissen eines anderen gerichtet werden?

Das heißt: Für denjenigen, der sich kein Gewissen macht (wie z.B. Paulus), ist es kein Problem, das Fleisch zu essen, aber dem anderen zuliebe sollen wir es nicht essen (weil derjenige sich durchaus noch ein Gewissen macht und daher ja auch auf das Götzenopferfleisch hinweist). Es ist im Grunde derselbe Gedanke, den Paulus zuvor schon im achten Kapitel herausgearbeitet hatte:

1Kor 8,13 Darum, wenn eine Speise meinem Bruder ein Anstoß wird, so will ich lieber in Ewigkeit kein Fleisch essen, damit ich meinem Bruder keinen Anstoß gebe.

Diesen immer wiederkehrenden Gedanken, dass er und andere, die sich kein Gewissen machen, die Freiheit haben, das Fleisch zu essen, diese Freiheit aber dem Nächsten nicht zum Anstoß werden darf, unterstreicht er zum Schluss des zehnten Kapitels erneut, indem er das göttliche Prinzip dahinter quasi auf alles Mögliche ausweitet, was wir essen, trinken oder tun:

30-32 Und wenn ich es dankbar genieße, warum sollte ich gelästert werden über dem, wofür ich danke? Ob ihr nun esst oder trinkt oder sonst etwas tut — tut alles zur Ehre Gottes! Gebt weder den Juden noch den Griechen noch der Gemeinde Gottes einen Anstoß.

Amen.

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