1. Korinther 8
1 Was aber die Götzenopfer angeht, so wissen wir: Wir alle haben Erkenntnis. Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber erbaut.
Paulus leitet hier in guter, alter und bewährter “Paulus-Manier” das Thema mit einer sehr interessanten Feststellung ein: Wir alle haben Erkenntnis. Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber erbaut.
Man könnte sich da fragen: Was hat diese Aussage mit dem Thema Götzenopfer zu tun?
Sehr viel. Der Grund, warum das so ist, liegt vor allem darin, dass damals (wie heute auch) alles rund um dieses Thema kontrovers diskutiert wurde. “Erkenntnis” hatten damals wie heute viele, nur wie diese angewandt wurde, war entscheidend für ihn. Die Belege hierfür werden wir sehen, wenn Paulus immer wieder auf diesen Punkt zurückkommen wird. Dann werden wir auch seine Aussage hier im ersten Vers und diejenigen in den beiden nächsten Versen viel besser einordnen und verstehen können.
2-3 Wenn aber jemand meint, etwas zu wissen, der hat noch nichts so erkannt, wie man erkennen soll. Wenn aber jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt.
Nachdem er dies vorab klargestellt hat, kommt er zum eigentlichen Thema und schreibt einleitend:
4-6 Was nun das Essen der Götzenopfer betrifft, so wissen wir, dass ein Götze in der Welt nichts ist, und dass es keinen anderen Gott gibt außer dem Einen. Denn wenn es auch solche gibt, die Götter genannt werden, sei es im Himmel oder auf Erden — wie es ja wirklich viele »Götter« und viele »Herren« gibt —, so gibt es für uns doch nur einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir für ihn; und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind, und wir durch ihn.
Hier stellt Paulus klar, dass es für uns nur einen Gott gibt: unseren Vater. Das erwähnt er in diesem Zusammenhang deswegen, weil er das Essen der Götzenopfer in einen Gegensatz dazu bringt. Er schreibt, dass ein Götze in der Welt nichts ist; d.h. Gott ist allmächtig, weil, wie er es schreibt, von ihm alle Dinge sind. Der Götze aber ist nichts. Er existiert nicht einmal. Er hört nichts, er sieht nichts (in Wahrheit sind es Dämonen, denen geopfert wird, wie wir es später in 1Kor 10 noch lesen werden).
Er fährt hier erst einmal fort mit:
7 Aber nicht alle haben die Erkenntnis, sondern etliche machen sich ein Gewissen wegen des Götzen und essen das Fleisch noch immer als Götzenopferfleisch, und so wird ihr Gewissen befleckt, weil es schwach ist.
Diese Aussage ist der Schlüsselvers für das gesamte Kapitel und somit auch für das gesamte Thema. Denn sie stellt gleich mehrere Dinge auf einmal klar.
Erstens, von denen, die Götzenopferfleisch essen, gibt es welche, die die Erkenntnis nicht haben. Von welcher Erkenntnis spricht er? Von derjenigen, die er in den Versen zuvor klargestellt hatte: Dass ein Götze nichts ist und dass es keinen anderen Gott gibt außer dem Einen, unseren Vater.
Um den zweiten Punkt seiner Aussage besser zu verstehen, muss man den historischen Kontext kennen. Denn damals waren die Heiden tief in der Götzenverehrung verstrickt, d.h. ihr sog. religiöses Leben war voll mit Ritualen, v.a. eben mit Opfern, die den Götzen dargebracht wurden. Das Essen von diesen Opfern war ein fester Bestandteil dieser Rituale (im Grunde nichts anderes als eine Form der Anbetung, die – wie so häufig – aus der Torah kopiert wurde).
Der dritte Punkt vereint nun diese beiden Punkte durch die Aussage, dass “etliche das Fleisch noch immer als Götzenopferfleisch essen”. Das heißt, einige der Heiden, die jetzt durch das Werk Christi zur Erkenntnis Gottes gekommen sind, haben (wie Paulus es schreibt) noch nicht die volle Erkenntnis darüber, dass ein Götze nichts ist. Da sie diese Erkenntnis (noch) nicht im vollen Maße haben, essen sie eben das Fleisch nicht einfach nur als Fleisch, sondern immer noch als Götzenopferfleisch. Dadurch (und jetzt kommt eine weitere zentrale Aussage von Paulus für das korrekte Verständnis!) machen sich etliche ein Gewissen wegen des Götzen und so wird ihr Gewissen befleckt, weil es schwach ist.
Noch einmal alles bis hierher, nur dieses Mal als Umkehrschluss seiner Aussage, damit der Punkt so noch klarer wird:
Hätten alle die Erkenntnis (also die Erkenntnis darüber, dass ein Götze nichts ist), würden sie sich beim Essen des Fleisches kein Gewissen machen und so würde dann auch ihr Gewissen nicht befleckt werden. Da sie diese Erkenntnis aber eben noch nicht haben, können sie das Fleisch nicht mit reinem Gewissen essen.
Dieser Punkt ist so dermaßen wichtig für das korrekte Verständnis, dass wir dich bitten, falls es bis hierhin für dich unklar ist, dass du dir die Zeit nimmst und dir das Ganze noch einmal durchliest.
…
Nachdem Paulus nun seine letzte Aussage mit den Worten ”Gewissen, weil es schwach ist” beendet, fährt er folgendermaßen fort:
8 Nun bringt uns aber eine Speise nicht näher zu Gott; denn wir sind nicht besser, wenn wir essen, und sind nicht geringer, wenn wir nicht essen.
Das ist eine total befriedende Aussage, wenn man sie korrekt anwendet.
Was ist damit gemeint?
Stellen wir uns dazu mal zwei Brüder vor, die eine gegensätzliche Ansicht zu diesem Thema haben. Anhand dieser Verse könnte es dazu kommen, dass derjenige, der z.B. kein Problem damit hat, einen Döner zu essen, sich irgendwie stärker im Glauben und mit mehr Erkenntnis gesegnet vorkommt als derjenige, der es nicht isst. Genauso könnte es aber auch der Fall sein, dass derjenige, der den Döner nicht isst, sich irgendwie heiliger und reiner vorkommt als sein Bruder, weil er sich eben dem Fleisch enthält.
Sollte eine derartige Situation entstehen, würde Paulus zu den Brüdern sagen: Wir sind nicht besser, wenn wir essen, und sind nicht geringer, wenn wir nicht essen.
Dann würde er fortfahren und dem Bruder, der den Döner isst, sagen:
9 Habt aber acht, dass diese eure Freiheit den Schwachen nicht zum Anstoß wird!
In anderen Worten: Seine Freiheit, die durch die Erkenntnis kommt, dass er unumstößlich weiß, dass ein Götze nichtig ist UND er sich deswegen kein Gewissen zu machen braucht, soll am Ende aber nicht dazu führen, dass dadurch das Gewissen seines Bruders befleckt wird.
Auf diesen Punkt geht Paulus ein, indem er ein viel krasseres Bild zeichnet als unser Dönerbeispiel:
10 Denn wenn jemand dich, der du die Erkenntnis hast, im Götzentempel zu Tisch sitzen sieht, wird nicht sein Gewissen, weil es schwach ist, dazu ermutigt werden, Götzenopferfleisch zu essen?
Die Erkenntnis der hier erwähnten Person ist so groß und sein Gewissen so rein, dass er sogar im übertragenen und übertriebenen Sinne im Götzentempel zu Tisch sitzen und dort das Fleisch essen könnte. Da aber das Gewissen des anderen schwach ist, könnte diese gewissensschwache Person durch die Situation dazu ermutigt werden, Götzenopferfleisch zu essen, obwohl sie diese felsenfeste Erkenntnis eben noch nicht hat. Das wiederum würde dazu führen, was er zuvor klargestellt hatte: Das Fleisch würde noch immer als Götzenopferfleisch gegessen werden. Und so würde das Gewissen befleckt werden, weil es schwach ist.
Daher stellt er dann direkt im Anschluss auch warnend für unseren Döner essenden Bruder und für jeden anderen, dessen Gewissen rein ist, fest:
11-13 Und so wird wegen deiner Erkenntnis der schwache Bruder verderben, um dessen willen Christus gestorben ist. Wenn ihr aber auf solche Weise an den Brüdern sündigt und ihr schwaches Gewissen verletzt, so sündigt ihr gegen Christus. Darum, wenn eine Speise meinem Bruder ein Anstoß wird, so will ich lieber in Ewigkeit kein Fleisch essen, damit ich meinem Bruder keinen Anstoß gebe.
Paulus stellt hier auf eindringliche Art und Weise warnend klar, dass die Freiheit, dass du Götzenopferfleisch essen kannst (weil du eben die Erkenntnis hast, dass ein Götze nichts ist), am Ende dazu führen kann, dass du sündigst. Nicht, weil du Götzenopferfleisch isst, sondern weil du deinem Bruder zu einem Anstoß wirst. Sollte das der Fall sein, dann ist es besser, in Ewigkeit kein Fleisch zu essen, damit ich meinem Bruder keinen Anstoß gebe.
Durch dieses Verständnis können wir jetzt auch seine einleitenden Worte viel besser einordnen.
1 Was aber die Götzenopfer angeht, so wissen wir: Wir alle haben Erkenntnis. Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber erbaut.
Das heißt, wenn ich meinen Bruder wirklich liebe, werde ich es nicht wagen – trotz meiner ach so tollen Erkenntnis –, ihm einen Anstoß zu geben.
Das ist die wahre Erkenntnis, um die es bei diesem Thema geht:
Ich habe die Freiheit, das Fleisch zu essen, aber wenn es meinem Bruder zum Anstoß wird, will ich in Ewigkeit nichts davon essen. Erkennt man auf diese Weise, hat man wahrhaftig erkannt, wie man erkennen soll.
Erkennt man es nicht so, gilt:
2 Wenn aber jemand meint, etwas zu wissen, der hat noch nichts so erkannt, wie man erkennen soll.

