Eure Fragen an uns – Der leicht missverständliche Paulus

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Apg 21,24 … Dann werden alle sehen, dass von dem, was ihnen über dich erzählt wurde, kein Wort wahr ist und dass auch du in Übereinstimmung mit dem Gesetz lebst und seine Vorschriften befolgst. [NGÜ]

Wir haben soeben gelesen, dass Paulus “in Übereinstimmung mit dem Gesetz lebte“. Er wird aber dennoch oft dafür benutzt, um aufzuzeigen, dass er derjenige war, der das Gesetz Gottes als “abgeschafft” lehrte; und das obwohl hier bei diesem Vers explizit gesagt wird, dass “kein Wort wahr ist, was über ihn erzählt wurde und er die Vorschriften des Gesetzes befolgt und danach lebt“. Wie lässt sich dieses Dilemma verstehen? Hielt nur er selbst das Gesetz, lehrte anderen aber etwas anderes? Wieso überhaupt all die vermeintlich widersprüchlichen Aussagen?

Wem solche vermeintlich widersprüchlichen Verse vielleicht noch nicht aufgefallen sind, hier eine kleine Auswahl von sieben Gegenüberstellungen aus nur einem einzigen Paulus-Brief.

Wir sind befreit von der Sünde:
Röm 6,18 Nachdem ihr aber von der Sünde befreit wurdet… [SLT]
Die Sünde ist immer noch in uns:
Röm 7,20 Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. [SLT]
Das Gesetz bringt den Tod:
Röm 7,5 … durch das Gesetz sind, um dem Tod Frucht zu bringen. [SLT]
Das Gesetz bringt nicht den Tod:
Röm 7,13 Hat nun das Gute mir den Tod gebracht? Das sei ferne! … [SLT]
Das Gesetz ist der alte Buchstabe:
Röm 7,6 … nicht im alten Wesen des Buchstabens. [SLT]
Das Gesetz ist geistlich:
Röm 7,14 Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; … [SLT]
Da ist kein Unterschied zwischen Juden und Griechen:
Röm 10,12 Es ist ja kein Unterschied zwischen Juden und Griechen… [SLT]
Da ist doch ein Unterschied:
Röm 2,10 Herrlichkeit aber und Ehre und Friede jedem, der das Gute tut, zuerst dem Juden, dann auch dem Griechen. [SLT]
Das Gesetz verführt zur Sünde:
Röm 7,11 Denn die Sünde nahm einen Anlass durch das Gebot und verführte mich… [SLT]
Das Gesetz ist heilig:
Röm 7,12 So ist nun das Gesetz heilig… [SLT]
Das Gesetz zu befolgen, kann nicht rechtfertigen:
Röm 3,28 So kommen wir nun zu dem Schluss, dass der Mensch durch den Glauben gerechtfertigt wird, ohne Werke des Gesetzes. [SLT]
Das Gesetz zu befolgen, kann rechtfertigen:
Röm 2,13 denn vor Gott sind nicht die gerecht, welche das Gesetz hören, sondern die, welche das Gesetz befolgen, sollen gerechtfertigt werden. [SLT]
Wir dienen nicht mehr dem Gesetz:
Röm 7,6 Jetzt aber sind wir vom Gesetz frei geworden… [SLT]
Wir dienen von Herzen dem Gesetz:
Röm 7,25 Meiner innersten Überzeugung nach diene ich dem Gesetz Gottes… [NEÜ]

Schnell wird einem bei der Übersicht klar, wie vermeintlich widersprüchlich seine Aussagen sind. Diesen Umstand können wir ohne jedwede Interpretation festhalten – völlig egal, ob man das Gesetz als abgeschafft oder gültig ansieht: Die Aussagen sind auf den ersten Blick widersprüchlich, aber genau das sollte uns neugierig machen – und uns regelrecht dazu drängen, unser Verständnis über Paulus Aussagen nach und nach zu prüfen.

Denn wir alle (davon gehen wir aus) sind davon überzeugt, dass es keinen Widerspruch gibt und nichts zufällig in der Heiligen Schrift steht. So kann es auch kein Zufall sein, dass die Gültigkeit des Gesetzes so missverständlich und gleichzeitig so klar ausgedrückt wird.

Wie wir soeben in nur einem einzigen Brief sehen konnten, kann man, v.a. das mit dem Gesetz, so oder so sehen. Für beide Auslegungen gäbe es genug Verse, aber nur eine davon kann wahr sein:
Entweder ist das Gesetz Gottes noch gültig oder nicht.

Also stellt sich einem bei diesen, fast schon gegensätzlichen Aussagen die Frage: Wenn nichts zufällig in der Heiligen Schrift geschrieben steht, warum hat Gott das mit seinem Gesetz so unklar definiert? Wieso gibt es v.a. für seine Gebote so viele vermeintliche Unstimmigkeiten?

Vielleicht deswegen:

Hebr 4,12 Das Wort Gottes ist lebendig und wirksam. Es ist schärfer als das schärfste zweischneidige Schwert, das die Gelenke durchtrennt und das Knochenmark freilegt. Es dringt bis in unser Innerstes ein und trennt das Menschliche vom Geistlichen. Es richtet und beurteilt die geheimen Wünsche und Gedanken unseres Herzens. [NEÜ]

Unser Verständnis ist, dass Gott uns auch durch sein Wort prüft, weil sein heiliges Wort bis in unser Herz vordringt und unsere innersten Beweggründe freilegt (“dringt in unser Innerstes / Gott, der unsere Herzen prüft“). Nicht, weil Gott unser Herz nicht kennt, sondern: Unser Glaubensleben ist eine Prüfung und das Wort Gottes ist unser Beurteiler und Richter (“Es richtet und beurteilt“).

1Thes 2,4 … Es geht uns nicht darum, Menschen zu gefallen, sondern Gott, der unsere Herzen prüft. [NLB]

Auf das “Warum macht das Gott? Warum prüft er uns?” können wir hier an dieser Stelle nicht eingehen; aber für jeden, der Interesse und zugleich seine Zweifel daran hat, ob Gott uns wirklich testet, kann eine Bibel-Suchmaschine mit den Wörtern “Herz” und “prüf” füttern und auf “Enter” drücken. Die Heilige Schrift selbst wird diese Frage dann beantworten.

So oder so kann man objektiv betrachtet eines festhalten:

Will man die Gebote Gottes nicht halten, hat man genug Verse zur Auswahl. Genau das Gleiche gilt für das Halten der Gebote: Will ich die Gebote halten, stehen mir unzählige, klare Verse dafür zur Verfügung. Diesen Umstand kann man, bei all der Emotionalität, die meist in solchen Debatten steckt, ganz neutral festhalten:

Beide “Seiten” können ihr Verständnis hinsichtlich des Gesetzes anhand von Versen mehr oder weniger “belegen”.