Eure Fragen an uns – Röm 6,14-15 – Was bedeutet “unter Gnade” / “unter Gesetz”?

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Röm 6,14-15 Denn die Sünde wird nicht herrschen über euch, weil ihr nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade. Wie nun? Sollen wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind? Das sei ferne! [SLT]

Was bedeutet diese Formulierung, die man immer wieder hört: “Wir Christen sind nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade!”? Was meint die breite Masse damit? Was meint die Heilige Schrift damit?

Dieser Artikel war zuerst in zwei lange Teile aufgeteilt (“Was bedeutet es, unter dem Gesetz zu stehen?” und “Was bedeutet es, unter der Gnade zu sein?”).
Jedoch kann man beide Fragen auch einfach und klar in einem Rutsch beantworten – sofern man sich unabhängig von der Debatte um die “Abschaffung oder Gültigkeit des Gesetzes” folgende Frage stellt:

Inwiefern ist “unter Gnade sein” ein Gegensatz zu “unter Gesetz sein“?

Offenkundig ist das Gegenteil von Gesetz die Gesetzlosigkeit. Und das Gegenteil von Vergebung bzw. Gnade: die Bestrafung – und eben nicht das Gesetz.
Anders formuliert: Wir hätten Strafe wegen der Übertretung des Gesetzes (also unserer Sünden verdient), aber aus Gnade werden unsere Sünden nicht bestraft; wie es z.B. hier geschrieben steht:

Röm 3,25 Denn Gott sandte Jesus, damit er die Strafe für unsere Sünden auf sich nimmt und unsere Schuld gesühnt wird. Wir sind gerecht vor Gott, wenn wir glauben, dass Jesus sein Blut für uns vergossen und sein Leben für uns geopfert hat. Gott bewies seine Gerechtigkeit, als er die Menschen nicht bestrafte, die in früheren Zeiten gesündigt haben. [NLB]

Wenn Gnade also die Nichtbestrafung unserer Sünden ist, was ist dann das Gegenteil davon? Na ja, ganz einfach: die Bestrafung unserer Sünden.

Was wiederum ist Sünde?

1Joh 3,4 Jeder, der die Sünde tut, der tut auch die Gesetzlosigkeit; und die Sünde ist die Gesetzlosigkeit. [SLT]

Was wiederum ist das Ergebnis, der Lohn der Sünde?

Röm 6,23 Denn der Lohn der Sünde ist der Tod; aber die Gnadengabe Gottes ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn. [SLT]

Hier in Röm 6,23 sehen wir einen typischen Paulus-Gegensatz:
Sünde = Tod ≠ Gnade = ewiges Leben.

Nun die Frage: Kann es sein, dass Paulus acht Verse vorher von dem gleichen Gegensatz redet? Ist es möglich, dass diese Verse in ihrem Zusammenhang betrachtet von folgendem reden?

  • Sünde = Gesetzlosigkeit (1Joh 3,4) Lohn der Sünde: Bestrafung = Tod
  • Gnade = Vergebung der Gesetzlosigkeit (Tit 2,14) = Nichtbestrafung → ewiges Leben

Das heißt dann, wenn diese Gegensätze stimmen, bedeutet:
“unter Gesetz” = Bestrafung und “unter Gnade” = Nichtbestrafung

Kann es also sein, dass Paulus meint, dass uns durch Gnade vergeben wird und wir somit nicht dem Urteil des Gesetzes, also nicht der Strafe, unterliegen?
Sprich wir sind nicht “unter dem Urteil des Gesetzes“?

Hierzu Röm 6,15 in einer anderen, hilfreichen Übersetzung, die die Bedeutung der Worte Paulus klarer hervorhebt:

Röm 6,15 Soll das nun etwa heißen, dass wir bedenkenlos sündigen können, weil uns ja Gottes Gnade gilt und wir das Urteil des Gesetzes nicht mehr zu fürchten brauchen? Natürlich nicht! [HFA]

Die “Hoffnung für alle”, die mehr in unserer heutigen Sprache und leicht verständlich übersetzt, bringt diese Stelle auf den Punkt:

Gottes Gnade befreit uns nicht vom Gesetz, sondern von dem Urteil des Gesetzes. Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.

Zwei Veranschaulichungen dazu:

Sollten diese Verse aus Röm 6 wirklich besagen, dass nicht nur das Urteil des Gesetzes (also die Strafe), sondern auch das Gesetz selbst seine Gültigkeit verloren hat, wäre es wie ein Kind, das die Gebote der Eltern nicht hält und dafür nicht bestraft wird.

Im übertragenen Sinne zu Röm 6,14-15 würden die Eltern also aus ihrer Barmherzigkeit, Gnade und Liebe nicht nur die Strafe gegenüber dem Kind erlassen, sondern gleich ihre ganzen Gebote, Richtlinien und Anordnungen abschaffen.
Kurz und knapp formuliert: Kind baut Mist. Kind verdient Strafe. Kind wird nicht bestraft. Kind muss als Ergebnis dieser Gnade, die aus Liebe und Fürsorge gegebenen Gebote, Richtlinien und Anordnungen der Eltern nicht mehr befolgen. Würde das Sinn ergeben?

Natürlich nicht!
Aber wenn Röm 6,14-15 tatsächlich das Gesetz Gottes als abgeschafft lehren würde, würde es genau das besagen: Wir müssten jetzt, weil wir unter Gnade sind, die aus Liebe und Fürsorge gegebenen Gebote, Richtlinien und Anordnungen Gottes nicht mehr befolgen.

Ein anderes Beispiel: Eine Freilassung vor Gericht.
Ein Richter spricht nach genauer Prüfung den Angeklagten frei, weil jemand die Schuld für ihn (also die Kaution) bezahlt hat. Bedeutet diese Freisprechung von der Strafe, dass der Freigelassene ab jetzt ohne Gesetz leben darf? Oder bedeutet das sogar, dass der Richter durch seine gnädige Tat gleich das ganze Gesetz abgeschafft hat?

Auch hier wieder: Natürlich nicht!
Lediglich die Strafe, also das Urteil des Gesetzes wird für den Freigelassenen aufgehoben, aber nicht das Gesetz selbst. Er wird mit anderen Worten “begnadigt“.

In beiden Fällen könnte man nun, um die rhetorische Frage des Paulus (Wie nun? Sollen wir sündigen…) abschließend anzuwenden, fragen:
Sollen die Personen (das Kind und derjenige vor Gericht) von nun an – weil sie begnadigt wurden – frei von den Geboten, Richtlinien und Anordnungen der Eltern bzw. des Landes leben?

Natürlich nicht!

Noch einmal der Vers:

Röm 6,15 Soll das nun etwa heißen, dass wir bedenkenlos sündigen können, weil uns ja Gottes Gnade gilt und wir das Urteil des Gesetzes nicht mehr zu fürchten brauchen? Natürlich nicht! [HFA]

“Nicht unter dem Gesetz” bedeutet also, dass wir durch das Werk unseres Erlösers von der Strafe, also dem Urteil des Gesetzes befreit wurden – und natürlich nicht vom Gesetz selbst.

Paulus benutzt dieses “unter Gesetz” stellvertretend für die Konsequenz der Übertretung des Gesetzes. Solche Formulierungen bringt er sehr häufig. Hier ein anschauliches Beispiel dazu:

Röm 6,18 Nachdem ihr aber von der Sünde befreit wurdet, seid ihr der Gerechtigkeit dienstbar geworden. [SLT]

Jeder weiß, dass wir nicht von der Sünde an sich befreit wurden (denn offensichtlich können wir noch sündigen), sondern wir sind durch Christus von der Konsequenz der Sünde (also der Strafe) befreit worden, d.h.:

“von der Sünde befreit” = “von der Strafe der Sünde befreit”
Exakt genauso wie mit seiner Formulierung:
nicht unter Gesetz” = “nicht unter dem Urteil des Gesetzes“.

Also bleibt für einen jeden von uns – wie für das Kind und den Freigelassenen – die Frage offen:
Wenn wir von der Übertretung des Gesetzes, also der Sünde befreit wurden, sollen wir dann weiter sündigen, also weiter das Gesetz übertreten? Oder wie es Paulus formuliert:

Röm 6,1 Was wollen wir nun sagen? Sollen wir in der Sünde verharren, damit das Maß der Gnade voll werde? [SLT]

V1.6

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